Um von Klausenburg (Cluj-Napoca) nach Belgrad zu kommen, mußten wir wieder über 400 km fahren – deshalb war angedacht, daß wir eine Nacht in Temeswar (Timisoara) verbringen sollten, wo wir für Ulrike und Johannes und für uns zwei Hotelzimmer nehmen würden, um dann am nächsten Morgen über die serbische Grenze nach Belgrad zu fahren. Zuerst ging es noch einmal in die Berge – über eine ziemlich gut ausgebaute Landstraße – und die Fahrt war auch ein wirklicher Augenschmaus, aber ab Oradea an der ungarischen Grenze, wo wir nach Süden abbiegen mußten, waren die Straßen wieder in einem erbärmlichen Zustand und wir kamen nur sehr schlecht voran, so daß wir es nicht bis Temeswar geschafft haben, sondern schon in Arad an einer Ringstraße um die Stadt in ein nagelneues Motel eingekehrt sind, mit sehr unfreundlichem Personal. Uns wurde zwar erlaubt, den OMNIBUS und das Wohnmobil auf dem Parkplatz abzustellen, aber Strom haben die uns nicht gegeben, obwohl wir drei Zimmer genommen und alle dort zu Abend gegessen haben. Die ganze Anlage wirkte völlig künstlich und alles roch nach Spekulation, Geldwäsche und Mafia. Es waren auch in dieser Grenzregion immer mehr noch leerstehende Neubauten aufgetaucht und die Schilder von westeuropäischen Unternehmen, die ihre Produktion nach Rumänien verlagert hatten (ist nicht auch NOKIA nach Temeswar gegangen?). Diese dort entstehende Parallelwelt hatte eine sehr irritierende Wirkung auf mich. Draußen war es bitter kalt – und nachts gabs richtigen Frost. Die ganze Belegschaft war mehr oder weniger erkältet. Aber in dem Motel konnten wir duschen, ins Internet und – außer mir und einem der Film-Jungs (der im Wohnmobil geschlafen hat) – alle im Haus schlafen.
Ich war sehr froh, daß wir endlich im Flachland waren, denn die Fahrt durch Bulgarien und Rumänien hatte mir schon seit dem ersten Temperatursturz in Leptokaria (als es auch in Deutschland und überall im Balkan geschneit hatte) einige Sorgen gemacht: bei Schnee oder Frost hätten wir diese Strecken mit dem OMNIBUS nicht fahren können, und wenn wir irgendwo steckengeblieben wären, wäre das ganze (ja sehr dicht strukturierte) Restprogramm im Eimer gewesen bzw. wir hätten auf jeden Fall Stationen auslassen müssen. Der Himmel war dem OMNIBUS mal wieder gnädig gewesen!
Am Sonntag sind wir dann nach Serbien gefahren und alles sah wieder ganz anders aus. Leider leider war die Station Belgrad dann ein kompletter Reinfall – in mehrerer Hinsicht: sie war in unseren Unterlagen total euphorisch angekündigt (tolle Plätze für den OMNIBUS, sehr interessierte Initiativen, ein selbsternannter serbischer Beuys-Spezialist, dessen Beuys-Buch wir in serbischer Sprache im OMNIBUS hatten (er ist Kunstprofessor und er würde Hunderte von Studenten mobilisieren) usw.) – Maxie und Brigitte waren ja schon vor der Tour in Belgrad gewesen, um unseren Aufenthalt zu organisieren. Tenor: Belgrad wird ganz toll! … Ich war ja auf der Fahrt von Sarajewo nach Sofia schon durch Belgrad gefahren und hatte die Stadt schön dort liegen sehen. Und Thomas Diekhaus, der Leiter des Goethe-Instituts in Skopje, der zur Zeit des Krieges in Belgrad gearbeitet hat, hatte Johannes und mir begeistert von dieser Zeit und den Menschen dort erzählt und uns als Zeitzeuge viele wertvolle Informationen geben können. Ich war also brennend interessiert an Belgrad und den Serben und habe mich besonders auf diese Station unserer Reise gefreut.

Es ging dann damit los, daß wir von einer völlig chaotischen Studentin, die schon Mühe damit hatte, ihr eigenes Auto zu fahren und sich selbst in der Stadt zu orientieren, in einer wirren Fahrt zu unserem ersten Standort in Neu-Belgrad auf der falschen Seite der Donau gelotst wurden. Sie war dazu verdonnert worden und war so ungeeignet für diese Aufgabe, daß man sie schon fast wieder liebgewinnen konnte. Der Platz war der Parkplatz einer grottenhäßlichen Waschbeton-Monstrosität, in der eine Fakultät der Kunstakademie (Dramski) untergebracht war. Ganz weit entfernt gegenüber riesige Plattenbauriegel. Sonntagabends war da alles tot, aber angeblich sollte es am nächsten Tag von interessierten Studenten nur so wimmeln. Wir hatten über Telefon bzw. Email erfahren, daß der Herr Professor „Beuys-Spezialist“ aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht auftauchen würde. Johannes hat in seinem Hotelzimmer einen Briefumschlag vorgefunden, in dem angeblich alle Informationen zum Belgrad-Aufenthalt enthalten sein sollten. Er war fassungslos und fragte immer wieder: „Kann mir das mal jemand erklären, was ich damit anfangen soll?“ Es gab keinerlei Begrüßung oder Betreuung wie an den meisten anderen Stationen. Aus den Programmen des Goethe-Instituts ging nicht hervor, wo, wann und was im Zusammenhang mit dem OMNIBUS-Aufenthalt in Belgrad passieren würde, und in einem Programm einer in enger Zusammenarbeit von Goethe-Institut und Deutscher Botschaft veranstalteten und gleichzeitig stattfindenden „Deutschen Woche“ wurden der OMNIBUS und die „democracy-in-motion“-Tour mit keinem Wort erwähnt!
An diesem ersten Abend in Belgrad bin ich zusammen mit Karl-Heinz und Ralf, dem Kameramann, der noch Stadtimpressionen drehen wollte, auf die richtige Seite der Donau zum Hotel von Ulrike und Johannes gefahren und quer durch die Innenstadt zu einer urigen serbischen Gaststätte geschlendert, die als Reklameschild ein großes Fragezeichen hatte. Dort hatte Ksenia Protic, eine alte Freundin von Ulrike und Johannes, die in München lebt und angereist war, um uns als Dolmetscherin und Reiseführerin zu dienen, einen Tisch für uns reserviert. Wir hatten zum ersten Mal seit Istanbul wieder das Gefühl, in einer offenen, pulsierenden Weltstadt zu sein. Die Menschen, zu denen ich während unseres Aufenthalts in Belgrad Kontakt hatte, waren freundlich, humorvoll und hilfsbereit. Mir sind viele stolze schöne Frauen aufgefallen. Kurz: das Wenige, was wir mitgekriegt haben, hat uns noch neugieriger gemacht.
Und wir – bzw. unsere „demokratisch gewählten Vertreter“ – waren die Terroristen, die vor wenigen Jahren diese schöne Stadt bombardiert hatten, wochenlang und nicht „chirurgisch“, sondern mitten hinein ins blühende Leben! Militärisch und politisch war das ein absurder Fehlschlag. Und jetzt saßen wir zusammen und bombardierten die arme Ksenia mit Fragen, weil wir es nicht fassen konnten und so wenig wußten. Ich hatte auch mit Johannes sehr viel über Jugoslawien diskutiert und selbst am Anfang der Tour das Kapitel über Jugoslawien in „Global Brutal“ noch einmal gelesen, um besser zu verstehen, welche Kräfte eigentlich das „Jugoslawische Modell“ (z.B. der Arbeiter-Selbstverwaltung und des vergleichsweise friedlichen multikulturellen Zusammenlebens) und später dann speziell die serbische Identität zerstören wollten. Das habe ich dann auf einer unserer nächsten Fahrten auch Johannes zum Lesen gegeben. Der Begriff „Selbstverwaltung“ ist auch in seinen Vorträgen während unserer Tour immer wieder aufgetaucht.

Am nächsten Morgen sind in aller Frühe Karl-Heinz und Katrin mit dem Taxi zum Flughafen gefahren – wir haben sie noch gemeinsam verabschiedet und das Filmteam hat sie während der Fahrt ein letztes Mal interviewt. Am Tag zuvor war schon Silvia Angel aus Schweden zu uns gestoßen, um uns für den Rest der Tour zu begleiten, und Jan Hagelstein kam mittags aus Deutschland dazu. Außerdem kam auch noch Nadja Sehic, die Bosnierin, die wir am Anfang der Tour in Kroatien und Bosnien als Dolmetscherin dabei hatten. Jetzt ist sie schon eine richtige OMNIBUS-Mitarbeiterin, auf die wir uns alle sehr gefreut hatten. An dem ersten Tag bei der Dramski-Fakultät hat sich so gut wie niemand für unsere Arbeit interessiert und unser Platz wurde immer mehr zu einem ganz ordinären Parkplatz, so daß der OMNIBUS völlig umstellt war von Autos. Wir haben die Zeit für eine große Putzaktion genutzt. Am frühen Nachmittag fand an einem ganz anderen Ort, der bis zum Schluß noch unklar war, der Vortrag von Johannes statt, den dann auch nur relativ wenige Menschen gefunden haben. Der Diaprojektor funktionierte nicht, und Johannes hat die Dias, die er vorbereitet hatte, hochgehalten und erklärt, was darauf zu sehen war. Die Leiterin des Goethe-Instituts kam, um Johannes zu begrüßen und hat dann gleich gesagt, daß sie in einer halben Stunde leider wieder gehen müßte, weil sie andere Verpflichtungen habe. Den Rest soll sich jeder selbst ausmalen.

Am Abend – es hatte inzwischen begonnen, zu schneien – sind wir mit dem OMNIBUS zu einer zwar auf der richtigen Seite der Donau, aber dafür ganz am Rand gelegenen Fakultät für Bildende Künste gefahren, wo wir mit Strom versorgt und dann richtig eingeschneit wurden. Wir hatten dort Zugang zu einer Toilette und am nächsten Tag auch zu einer Art Lehrerzimmer, wo wir ins Internet konnten und uns aufwärmen. Es hat dann den ganzen Tag geschneit. Wir haben mehrere Maschinen Wäsche gewaschen und dann später Wäscheleinen gespannt, damit diese Wäsche auch trocken wurde. In dieser absurden Situation hat Johannes dann noch ein kleines Seminar mit interessierten Studenten improvisiert …

Alle haben versucht, nebenbei und zwischendurch noch möglichst viele Eindrücke von der Stadt zu sammeln …
Am nächsten Morgen war der meiste Schnee abgetaut und wir sind durch den Nebel Richtung Ungarn gefahren – die Straßen waren flach und immer besser ausgebaut. Zum letzten Mal mußten wir unsere komplizierte Grenzprozedur machen – das klappte ziemlich gut.


Ich sitze inzwischen im OMNIBUS vor der von Studenten besetzten Hochschule für Bildende Künste in Wien und nutze jetzt das offene WLAN der Studenten, um diesen Beitrag ins Netz zu stellen.
So long – werner