Movie Night

13. August 2010

Wie Ihr sicherlich bemerkt habt, kommen die Artikel immer mit einiger Verzögerung. Sorry for that.

Heute Nacht gab es eine Film-Nacht im SF-Chronicle Building. Ein Gebäude, das einst die Zentrale des San Francisco Chronicle war und mittlerweile Hülle für eine ganze Menge Blogger, Journalisten und Kreativschaffender ist. Eine Top-Journalistin erzählte lebhaft, wie sie im Jahr 1994 für eine Online Ausgabe des SFC plädierte und sogar dafür in den Streik zog. Die Print-Auflage halbierte sich, während sich SFGate.com zur 8meistbesuchten Newsseite der USA entwickelte. Die Druckmaschinen wurden gegen Sofas, Espressoautomaten und Schreibtische ausgetauscht und die Werkstatt für die digitale Bohème ist perfekt.

Erster Beitrag war ein Film der Koreaner, der für einige Erheiterung sorgte. Es ging um eine Exkursion in die Schweiz und ihren direktdeokratischen Institutionen. Die koreanische Stimme aus dem Off, sowie die koreanischen Interviews wurden glücklicherweise mit einem koreanischen Untertitel unterlegt. Ich weiß also nicht genau, worum es ging. Aber das Schweizer Alpenpanorama war schön anzuschauen.

Der Film über die Reise des OMNIBUS nach Athen wurde sehr wohlwollend aufgenommen. Ich hatte den Film vorher nur in der Rohfassung gesehen und war, genau wie das übrige Publikum, ganz in den Bann dieser wunderbaren Reise mit ihrem magischen Flair gezogen. Der Film und der visuelle Eindruck des Busses weckte bei den Zuschauern eine Sehnsucht. Wir brauchen einen Bus für Kalifornien – und einen für ganz Amerika – und einen für Europa – und einen für Korea – und. Der OMNIBUS wirkte elektrisierend und machte mit seiner Reise durch all die Länder Süd-Ost-Europas den Traum der Aktivisten greifbar, den OMNIBUS auch ins eigene Land einzuladen und im Handumdrehen demokratische Verhältnisse einzuführen. Aus Deutschland weiß ich, dass so ein Bus wohl einiges in Bewegung bringt, wir aber seit über 20 Jahren keine rechtlichen Fortschritte auf der Bundesebene gemacht haben. (Fußnote für alle Erstleser und „und was hat’s gebracht? – wahrscheinlich gar nix!“ Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion, die Bundesländer haben mittlerweile alle eine Regelung, nur die CDU hat noch keinen Gesetzesvorschlag in ihrem Parteiprogramm und permanent finden Abstimmungen auf den unteren Hoheitseben statt.)

Nachfolgender Film war World Vote Now. Die Idee des Films ist es, eine weltweite Volksabstimmung durchzuführen. Joel, der Filmemacher, reiste dazu einmal um den Globus, um eine Bestandsaufnahme der heutigen Demokratien zu machen und sprach mit den Menschen über die Möglichkeit eine globale Volksabstimmung durchzuführen. Kaum hatte der Film geendet, entbrannte eine Diskussion über den Sinn und die Durchführbarkeit einer solchen Idee. Was solle denn bitteschön das Abstimmungsthema sein? Die im Film formulierten Fragen, wie die Beendigung bewaffneter Konflikte sowie Wasser und Nahrung für alle, kommen einem doch arg nach einer Hippiephantasie vor. Doch alleine das Procedere würde die wahrscheinlich wichtigste Frage aufwerfen. Jeder Mensch ist mit einer Stimme ausgestattet. Jeder Chinese, jeder Inder, jeder Afrikaner sowie Lieschen Müller aus Krefeld haben eine gleichberechtigte Stimme. Angesichts des erdrückenden wirtschaftlichen Ungleichgewichts flößt einem als Westeuropäer diese Verheißung einigen Respekt ein. Die Vorzüge, die wir im Westen durch die wirtschaftliche Macht, die sich in UN-Sicherheitsrat, WTO und Weltbank fortsetzt, genießen, stünden einer Logik gegenüber, die auf Gleichberechtigung und Menschenrechten fußt. Zusätzlich gehen wir unbedingt davon aus, dass die Länder, die den größten Einfluss haben würden, keine Erfahrung mit Demokratie haben, wenn wir es überhaupt unseren eigenen Landsleuten zutrauen. Einer Kaskade gleich wurden viele Fragen bei mir im Kopf wachgerufen. Welche Sinnhaftigkeit haben Nationalstaaten? Löst man Probleme mit Hippiephantasien? Welche Instanz setzt die Gleichbehandlung aller Stimmen durch? Müssen globale Fragestellungen durch eine globale Demokratie gelöst werden? Passt Föderalität nicht viel besser zum demokratischen Gedanken? Jede Frage würde wohl einen separaten Blogeintrag erfordern und die eben formulierten, sind erst der Anfang. Die Botschaft des Films zielte aber darauf ab, klarzustellen, dass Demokratie weltweit als Qualität wahrgenommen wird. Die Möglichkeiten, die uns die Telekommunikationstechnik bietet, macht diesen Traum in jedem Fall um einiges plausibler als wir es bisher hoffen konnten.

Es liegt in unseren Händen

05. August 2010

Eine der schönsten Powerpointvorlagen die ich in letzter Zeit gesehen habe. Rolf unterlegte seinen Vortrag überJürgen Habermas’ deliberative Demokratie mit den wunderschönen Händen seiner Freundin, um die Vielschichtigkeit demokratischer Prozesse zu visualisieren.

Tag 1

04. August 2010

Der erste Tag beginnt eigentlich mit einer kleinen Anekdote einige Tage zuvor. Mein Flug DUS-SFO verlief samt Umstieg in Atlanta ohne Probleme. In den frühen Abendstunden kam ich nach einem der längsten Tage meines Lebens (12 Std Flug + 9 Zeitverschiebung) in San Francisco an. Ich zog los, um die Stadt zu erkunden und fand nach einigem Suchen ein Schild mit der Inschrift “Public Beach” von wo ich mir einen ersten Blick auf die Golden Gate Bridge erhoffte. Der Blick hielt, was ich mir davon versprach, und ich genoss den ersten Eindruck von San Francisco. Auf dem Rückweg stutzte ich kurz ob der schweizer Flagge, die in der Abendsonne flatterte und noch mehr, als die bekannte Stimme von Bruno Kaufmann an mein Ohr drang. Ich konnte es nicht glauben. 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, in einer der dichtest besiedelsten Gebiete der USA laufe ich per Zufall in einen Abendempfang, den der Schweizer Konsul für die Tagungsteilnehmer veranstaltete, ohne, dass ich davon wusste, es geplant habe oder eingeladen war. Mit Blick auf den Pazifik und die Golden Gate Bridge verbrachte ich den ersten Abend in San Francisco mit Schweizern und Teilnehmern der Konferenz, bevor diese überhaupt begonnen hatte.

Das Programm der Konferenz gestaltet sich so, dass die ersten beiden Tage der direkten Demokratie in den Vereinigten Staaten gewidmet sind und die darauf folgenden drei Tage die direkte Demokratie weltweit behandeln.

Der erste Tag stand also unter dem klaren Eindruck der Zustände in Kalifornien. Nichtsdestoweniger halte ich die Entwicklung für hoch interessant und relevant für die europäische Dikussion über direkte Demokratie.

Um es kurz zusammenzufassen. Die aktuelle Krise entzündet sich an einem 19 Milliarden Dollar Defizit im kalifornischen Haushalt. Steuererhöhungen erfordern ein 2/3 Quorum durch ein Plebiszit und führen zu einer Hold-Up Situation in der Lösung des Problems. Es gibt einige Ideen die Krise zu bewältigen, die eigentliche Krise Kaliforniens liegt jedoch an anderen Punkten. Sie weist weit in die amerikanische politische Kultur hinein und berührt Punkte, die in der Mentalität verortet sind. Wettbewerb und ein dualistisches Weltverständnis sin ein dermaßen existenzieller Bestandteil der politischen Kultur, dass man fast alle positiven Effekte der direkten Demokratie zunichte macht. In der Semantik schlägt sich dies immer in einem Gewinner und einem Verlierer nieder. Es gibt die Initiative und die Gegner. Das Parteiensystem ist mit dem Mehrheitswahlrecht auf zwei Parteien vorprogrammiert und das Weltverständnis sollte aus der Konfrontation von Kommunismus und Kapitalismus nur allzu bekannt sein.

Ein zweites Problem – wie sollte man es in Amerika anders erwarten – ist das Geld. Rund um die Abstimmungen hat sich eine weltweit einzigartige Industrie entwickelt. Pro Jahr wird etwa eine halbe Milliarde Dollar in Kampagnen gesteckt. Dabei sind die Interessen mehr oder weniger unverhohlen. Das jüngste Beispiel ist ein Gesetztgebungsprozess auf Initiative des Energieriesen PG&E. Um den Umstieg auf alternative Energieanbieter zu erschweren wurden insgesamt 46,6 Mio $ aufgewendet, die einem winzigen Budget von 80.000 $ der Gegenkampagne gegenüberstanden. Die gute Nachricht ist, dass selbst ein Verhältnis von 1:600 nicht zu einem Erfolg der PG&E Kampagne führte, die direkte Demokratie hat sich jedoch in Kalifornien zu einem Instrument entwickelt, das es großen Firmen ermöglicht, ihre Interessen mit Geld durchzudrücken. Pro Unterschrift werden bis zu 3 $ an professionelle Unterschriftensammler gezahlt. Die “Signature Industry” hat einen faszinierenden Professionalitätsgrad entwickelt, Adressen vorrätig zu haben, die Unterschriften zu verifizieren und im folgenden, die TV und Radiostationen mit Werbung zu belegen.

Das Verrückte ist, dass die direkte Demokratie unter der erdrückenden Lobbymacht der Eisenbahntransportgesellschaft Union Pacific entstanden ist. Die Eisenbahngesellschaften waren vertikal integriert, kontrollierten Grund und Boden, die Logistik, die die Finanzmärkte und die Parlamente. Sounds familiar? In blutigen Kämpfen erstritten sich die Kalifornier 1911 die direkte Demokratie um die korrupten Parlamente und die Gesetzgebung unter Kontrolle zu bringen. Doch über die Zeit wurde der Nimbus der Bürger von den Firmen gekapert. Man steht also am selben Punkt, wie vor hundert Jahren. Der substanzielle Unterschied ist, dass die Bürger dieses Mal das Instrument schon in Händen halten, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen.

Man kann also zusammenfassen, dass sich die direkte Demokratie in Kalifornien in keinem guten Zustand befindet. Nichtsdestoweniger ist die direkte Demokratie bei den Kaliforniern weiterhin gut gelitten. Mehr als 2/3 der Bevölkerung befürworten in Umfragen die direktdemokratischen Möglichkeiten. Im anhaltenden Diskurs bildet sich eine Bewegung, eine neue Verfassung zu etablieren, die die geballte Finanzmacht der Unternehmen im Gesetzgebungsprozess limitieren soll.

Die Eröffnungsworte der Konferenz von Joe Matthews waren: We know what is wrong. But we just don’t know what is right.

In diesem Geiste endete der erste Tag – doch die Lösung, wie ich es bisher verfolgt habe, liegt schon im Verfahren.

Global Forum – San Francisco

31. Juli 2010

San Francisco – das wird der Ort sein, von dem ich in den nächsten Tagen über das Global Forum On Modern Direct Democracy berichten werde.

Ich hoffe, die Lektüre bereitet Freude. Ich bin bereits sehr auf die kommenden Tage gespannt.

Stay tuned – Jan

goldengate

Linz not least

12. Dezember 2009

abends im Dunkeln sind wir in Linz angekommen: wir standen mit dem OMNIBUS so, daß seine Nase knapp in die Haupteinkaufsstraße hineinragte. Direkt neben uns eine Konsumhölle mit all den üblichen Verdächtigen. Nachdem wir mit dem netten Mann, der uns empfangen und an unseren Platz gewiesen hatte, schräg gegenüber ein paar österreichische Leckereien gegessen hatten, bin ich noch durch die Stadt geschlendert, zur Donau hin und über eine Brücke zur anderen Seite. Linz ist ja dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt und seit vielen Jahren Veranstaltungsort des Avantgarde-Festivals Ars Electronica. Die Stadt war fein herausgeputzt, und an der Donau gab es mehrere futuristische Gebäude mit Lichtinstallationen, die gleitend ihre Farbe änderten …

Auf meinem Spaziergang fiel mir einerseits auf, was es für ein üppiges Angebot von hochwertigen Klamotten es in der Stadt gab, andererseits der grölende Lärm, den ungebärdige Jugendliche verbreiteten, die in Rudeln durch die Stadt streiften (Hooligans? Schüler, die einen Abschluß feierten?). Direkt vor dem OMNIBUS lagen die Scherben einer dort gezielt zerschmetterten Bierflasche, und die ganze Nacht ging das Gegröle weiter. Während der ganzen Tour habe ich mir nie soviel Sorgen um den OMNIBUS gemacht wie in dieser Nacht. Sehr spät sind dann auch die anderen mit dem Wohnmobil eingetroffen. Sie haben uns erzählt, daß der Vortrag von Gerald Häfner ein voller Erfolg gewesen ist. (Am Abend sollte wieder ein Vortrag mit ihm in Linz stattfinden, den wir auch eifrig beworben haben – und es war auch wieder so, daß der OMNIBUS schon nach München vorfahren würde, weil wir sonst die Strecke nicht schaffen würden).

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Die Straßenarbeit an diesem letzten Tag war ganz lebendig, wieder fragten die meisten Gesprächspartner erst einmal: „OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE IN DEUTSCHLAND – was macht Ihr denn hier?“ … und wir mußten erst einmal die Geschichte von „democracy in motion“ erzählen, aber dann ergaben sich interessante Gespräche, und wir konnten auf die Freunde von „Mehr Demokratie Österreich“ hinweisen, den Vortrag am Abend bewerben und den Menschen die Informationen über unsere Tour und über unsere Arbeit in Deutschland mitgeben. Die Konsumhölle nebenan hat uns tatsächlich mit Strom versorgt und Jan und/oder Jonathan (ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr) hat/haben sogar die Schiene geputzt und die anderen haben den OMNIBUS fein gemacht für die Abschlußveranstaltung in München.

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An der deutschen Grenze haben wir unsere elektronische Maut-Box zurückgegeben und uns das darauf gespeicherte Guthaben auszahlen lassen und dann waren wir

zurück in DEUTSCHLAND! – werner

Wien – wieder im Westen

10. Dezember 2009

Von Bratislava aus sind wir abends nach Wien gefahren, über blanke neue Autobahnen, die es alle noch nicht gab, als ich vor etwa 35 Jahren für einige Zeit in Wien gelebt habe. Ich war gespannt darauf, ob und was ich wiedererkennen würde – atmosphärisch war Wien damals so, wie ich jetzt Belgrad, Budapest und Bratislava erlebt habe: noch nicht so richtig dem zugehörig, was ich als „Westen“ bezeichnen würde. Nicht so glatt und oberflächlich, weniger Reklame und weniger Konsumtempel (als zum Beispiel in Düsseldorf zu jener Zeit). Außer groben Landmarken habe ich nichts wiedererkannt – heute sieht Wien genauso aus wie die großen Städte in Deutschland.

Wir wurden an einer telefonisch verabredeten Stelle von Andreas Siber empfangen, der unseren Aufenthalt logistisch betreut und vorbereitet hat. Zunächst hat er uns für die erste Nacht auf einen gebührenpflichtigen OMNIBUS-Parkplatz am Straßenrand in der Nähe der Universität gelotst. Er ist Jurist und gehört zu der noch kleinen Gruppe von Menschen, die in Österreich eine Schwester von „Mehr Demokratie“ unter dem gleichen Namen aufbauen. Ihn sprechen zu hören war dann wenigstens ein akustisches Wiedererkennen für mich, das ich auch genossen habe. Wir sind dann zusammen in eine sehr urige Kneipe gegangen (in der man sogar rauchen durfte). Andreas hat uns die Köstlichkeiten mit den seltsamen Namen erklärt, die es zu essen gab, und wir haben sehr lecker gegessen, während er uns darüber informiert hat, was in Wien gerade los war:

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Die Studenten hielten die Universitäten besetzt! Der Protest hatte sich am Bologna-Prozeß und an den Studiengebühren entzündet und erschöpfte sich nicht in Parolen (die waren auch ganz witzig), sondern führte zu ganz konkreten, intelligenten Forderungen, die in ständigen Diskussionen erarbeitet wurden. Die Studenten gaben gut und schnell gemachte Zeitungen heraus und nutzten klug die neuen Medien. Dadurch hatten sie eine breite Öffentlichkeit erreicht und auch die großen Medien haben eher wohlwollend und verständnisvoll berichtet. Vor allem sind die Studenten selbst auf die Idee gekommen, ihre Forderungen eventuell zum Gegenstand von einem direktdemokratischen Verfahren zu machen. Das war insofern auch für unsere Freunde sehr bedeutsam, als in Österreich das Thema „Direkte Demokratie“ seit langem von der rechtslastigen FPÖ okkupiert und damit für eine sachliche Diskussion blockiert wird (wer mehr über die Situation in Österreich wissen will, kann HIER klicken). Das Kommen des OMNIBUS paßte also wieder einmal ganz genau – bei der Planung unseres Aufenthalts wußten wir ja alle nichts von diesen Ereignissen!

Am ersten Tag standen wir dann an einer Straßenbahnhaltestelle in der Favoritenstraße, einer Einkaufsstraße im 10. Bezirk, leicht abgetakelt; gegenüber gab es McDonald’s und einen asiatischen Kleiderhändler, der uns Strom gegeben hat. Es war feuchtkalt und hat den ganzen Tag genieselt. Und hier habe ich gemerkt, daß ich wieder im „Westen“ bin: zum ersten Mal, seit ich Deutschland verlassen hatte, tauchten wieder die „Wohnzimmerhelden“ auf, die ich von der Arbeit in Deutschland her so gut kenne: Menschen, die nur schimpfen und lamentieren, die alles besser wissen und nichts tun, die überhaupt nicht zuhören können und immer andere für alles verantwortlich machen. Gleichzeitig gab es hier nun wieder alles zu kaufen, Konsum total (auch ich habe mir gleich Bücher gekauft, auf die ich schon gewartet hatte). Übersättigung & Dumpfheit – da gibt es gewiß einen Zusammenhang.

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Abends sind wir ganz spontan zur besetzten Kunstakademie gefahren, um dort die Nacht zu verbringen – und siehe da: genau, als wir ankamen, wurde ein Platz für den OMNIBUS frei und wir konnten sogar einen Stromanschluß organisieren. Drinnen fanden gerade beim täglichen Plenum lebhafte Diskussionen statt, gut moderiert und effizient. Es gab reichlich Informationsmaterial und eine inspirierende, lebendige Atmosphäre. Wir haben überlegt, ob wir nicht noch versuchen sollten, einen Tag an der Universität zu stehen und beschlossen, einfach eine Demonstration anzumelden (dafür braucht man keine komplizierte Sondernutzungsgenehmigung). Weil es zu viele Unwägbarkeiten gab, haben wir am Ende aber die beiden folgenden Tage wie geplant, vor dem Stephansdom verbracht, am prominentesten Platz von Wien! Mittendrin.

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Dort haben wir viele interessante Gespräche mit einem internationalen Publikum geführt, die sich sehr oft an der Aufschrift des OMNIBUS entzündet haben. Wir haben uns nach Kräften bemüht, bei unseren österreichischen Gesprächspartnern Interessenten und Förderer für unsere Freunde von „Mehr Demokratie Österreich“ zu gewinnen und auf den Abendvortrag von Gerald Häfner hinzuweisen, der am letzten Abend stattfand. Diesen Vortrag hat unser Filmteam aufgezeichnet, und einige von uns sind auch dageblieben, um unsere Arbeit vorstellen zu können, aber der OMNIBUS ist schon nach Linz vorausgefahren, da wir sonst zu spät dort eingetroffen wären …

Der Rest kommt sobald wie möglich – werner

Bratislava

04. Dezember 2009

Inzwischen bin ich schon in mein Winterquartier am geliebten Rhein gezogen (letzte Nacht habe ich zum ersten Mal hier geschlafen). Und ehe die Erinnerungen schwinden, will ich noch zu Ende berichten…

Decollage

Nach unserem lebendigen Tag als Straßensperre in Budapest sind wir gleich in Richtung Bratislava gefahren, um nicht noch eine Nacht ohne Strom und Klo auf einem Parkplatz in Budapest zu verbringen. Wir haben dann kurz vor der slowakischen Grenze auf einer Autobahn-Raststelle übernachtet und sind schon Sonntagvormittag nach Bratislava gefahren, wo wir am Stadtrand von drei freundlichen und ortskundigen Protagonisten der Direkten Demokratie empfangen und zum Parkplatz des Innenministeriums eskortiert wurden, wo wir zunächst standen (das war für uns organisiert worden – wir mußten dort allerdings am nächsten Morgen spätestens um 7:30 Uhr rausfahren). Wir haben uns dann gemeinsam den Platz für den nächsten Tag angeschaut und ausklamüsert, daß ein nahe gelegener Sex-Shop uns bis 20:00 Uhr Strom gegeben hat und daß wir gegen Vorlage einer kleinen, von unseren Gastgebern angefertigten slowakischen OMNIBUS-Broschüre in einem Hostel schräg gegenüber duschen und ins Internet konnten. Es wurde also bestens für uns gesorgt. Am späten Nachmittag haben wir in einem Museum einer kleinen Runde unsere Arbeit vorgestellt und von der “democracy-in-motion”-Tour erzählt. Es war auch ein Journalist da, der uns später bei einem gemütlichen Essen noch interviewt hat und gleich am nächsten Tag einen Artikel in einer ziemlich weit verbreiteten Zeitung untergebracht hat. Robert, der einzige, der Deutsch konnte, weil er als Programmierer einige Jahre in Deutschland gearbeitet hat, hat gedolmetscht – und es war schön zu hören, wie er sich währenddessen in die Materie eingearbeitet hat (ich habe mir ihn für die Veranstaltung am nächsten Tag gleich als Übersetzer gewünscht).

Robert lebt nicht in Bratislava (er war extra für uns 50 km weit gekommen) – und er arbeitet in Tschechien, wo die wirtschaftliche Situation anscheinend etwas besser ist. Auf die Teilung des Landes nach dem Zusammenbruch des Ostblocks angesprochen wurde er ganz melancholisch: er sagte, daß er (wie ganz viele seiner Mitbürger) bis heute nicht begreift, wie diese Teilung so schnell zustandekam. Und er leidet darunter und findet die Teilung nicht richtig. Ich habe ja schon in meinen Beiträgen über Ex-Jugoslawien darauf hingewiesen, daß in den Umbruchzeiten von Kräften, die sich nach wie vor nicht ganz genau identifizieren lassen, nach dem Prinzip „Teile und Herrsche!“ verfahren wurde, um sich den besten Zugriff auf interessante Ressourcen zu verschaffen. Es war jedenfalls spürbar, daß die Teilung des Landes als Trauma auf den Menschen lastet.

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Bratislava

Am zweiten Tag standen wir dann mitten in der Stadt auf einem geschichtsträchtigen Platz, wo zur Wendezeit die Demonstrationen stattgefunden hatten. Bratislava hat eine schöne Altstadt, in der sich nach und nach die westlich geprägte Konsumwelt ausbreitet. Es gibt eine sehr futuristische neue Donaubrücke mit integriertem Aussichtsturm (von dem aus man wahrscheinlich einen phantastischen Blick über die Stadt hat – ich hab’s nicht ausprobiert). Die drei Demokratie-Kämpfer, die uns auch empfangen hatten, haben sich den ganzen Tag rührend um uns gekümmert. Einer sprach nur slowakisch, einer englisch und slowakisch und Robert – wie gesagt – deutsch, englisch und slowakisch. Wir haben alle nach besten Kräften geradebrecht und es gab ganz lebendige Gesprächssituationen vor dem OMNIBUS. Es kamen auch Deutsche, Schweizer und Niederländer, und viele, die mehr oder weniger gut Deutsch konnten. Am Nachmittag haben Silvia, Jan und ich in einem theaterartigen Raum in der Nähe unseres Standorts mit der Hilfe von Robert noch eine Informationsveranstaltung gemacht, bei der dann nach einer allgemeinen Einführung auch viele ganz konkrete Fragen zu unserer Arbeitsweise und Strategie gestellt wurden.

Gemessen daran, daß die Station Bratislava schon nicht mehr zum offiziellen Teil unserer Tour gehörte und wir den Aufenthalt dort dazuimprovisiert hatten, war es ein sehr erfolgreicher Besuch, den ich in bester Erinnerung habe und für den ich mich bei den unermüdlichen Protagonisten herzlich bedanken möchte.

Ich will mich bemühen, in den nächsten Tagen auch die restlichen Stationen zu beschreiben – bis dahin: werner

Budapescht

18. November 2009

Inzwischen sitze ich in Deutschland im OMNIBUS-Head Office und lasse meine innere Spannung abebben – aber ich will doch die Reiseberichte vervollständigen …

maut

Nach dem Überfahren der serbisch-ungarischen Grenze konnten wir alle Grenzen ohne weitere Formalitäten überqueren, es sei denn, wir mußten Maut entrichten. Die Straßen waren glatt und gut ausgebaut. Mit Belgrad endete auch die direkte Zuständigkeit von Herrn Pöhlmann, aber das Goethe-Institut in Budapest ist freiwillig eingestiegen, weil die Leiterin dort unser Projekt gut fand. Wir sind mit der Dunkelheit in Budapest angekommen und wieder einmal von einem gutwilligen, aber vollkommen unfähigen Lotsen in kompliziertester und umständlichster Weise zu unserem Übernachtungsplatz gelotst worden (wir haben über eine Stunde auf ihn gewartet und dann noch mindestens eine weitere Stunde die Stadt mit ihm umkreist). Wahrscheinlich hätten wir ohne seine Hilfe den Platz sofort gefunden. Er hat mich dann noch zusammen mit Ulrike und Johannes zu deren Hotel gebracht, und dort haben wir Katharina von Bechtolsheim getroffen, die schon seit einigen Tagen in Budapest war und uns dolmetschen wollte.

Wir haben uns dann zusammen den Standplatz des OMNIBUS für den nächsten Tag angesehen und in einem schönen Restaurant in der Nähe köstlich zu Abend gegessen. Dorthin kam auch eine Frau vom Goethe-Institut und hat uns eine Mappe mit den für unseren Aufenthalt wichtigen Informationen vorbeigebracht. Wir fühlten uns – im Kontrast zu Belgrad – wieder professionell aufgenommen. Übrigens haben uns in Budapest auch Ramona und Kurt besucht (die waren auch beim Essen dabei). Ich bin dann noch mit Jan und Katharina mit einer sympathisch abgenutzten Retro-U-Bahn zu einem 24-Stunden-Supermarkt gefahren, um für unser Frühstück einzukaufen. Auf dem Rückweg wurde tatsächlich dann hinter uns ein Gitter abgeschlossen – es hatte also wieder mal genau gepaßt.

Budapest

Am nächsten Tag standen wir auf einem Parkplatz zwischen zwei Universitätsgebäuden und einer riesigen alten Markthalle, in der ungarische Spezialitäten feilgeboten wurden (in so einer Menge und so variantenreich habe ich Paprika, Salami und Honig noch nie gesehen – Maxie hätte sich da durch bloßes Durchlaufen gegen Paprika desensibilisieren können (sie mag Paprika nicht)). Es kamen zwar nicht so viele Studenten zu uns wie erhofft, aber im Lauf des Tages kamen Bürgerinitiativen, Schriftsteller und Aktivisten, die mit uns etwas machen wollten und es gab eine Lesung und verschiedene kurzweilige Aktionen. Die Donau war ganz in der Nähe, und von einer der Brücken hatte man einen schönen Blick auf die Stadt. Am späten Nachmittag hat Gerald Häfner in der Universität einen Vortrag gehalten, in einem Raum mit Konferenztechnik (an jedem Platz gab es ein Mikrofon, die Möglichkeit, mit Kopfhörer einer Simultanübersetzung zu lauschen, ja, man konnte auch mit Knopfdruck abstimmen und seine Anwesenheit vermelden). Alle saßen um einen langgestreckten Konferenztisch herum, an dessen Kopfende Gerald seinen Vortrag hielt und konsekutiv übersetzt wurde. Eine ganze Reihe von Honoratioren waren anwesend (u.a. auch die deutsche Botschafterin). Wir sind dann schon am Abend zu einem der typischen umzäunten Plätze in der Altstadt gefahren, wo wir am nächsten Tag arbeiten sollten. Katharina hatte ein Apartment, in dem wir duschen und sogar baden konnten (es war bitter kalt). Außer Katharina hatten wir während der Tage insgesamt noch drei sympathische Dolmetscherinnen, die sich auch inhaltlich kundig gemacht haben. Unser Aufenthalt war anscheinend gut beworben worden, denn während des Tages kamen gezielt ganz unterschiedliche Menschen zum OMNIBUS. Ich bin mit meinem ganzen Krempel in ein nettes Café gegangen, um dort meinen Blog-Eintrag zu Serbien zu schreiben. Und ich bin gern durch die Straßen flaniert – zwischen all dem leicht morbiden, melancholischen k.u.k.-Charme der Stadt blitzte immer wieder weltläufige Urbanität auf.

brücken

schwung

Am Abend hat dann Johannes seinen Vortrag in einem temporär von Bürgern besetzten Kulturzentrum in der Nähe gehalten, das den größten denkbaren Kontrast bildete zu dem Raum, in dem Gerald am Vortag seinen Vortrag gehalten hatte: anarchisch-improvisiert, ruinenartig, geheizt mit Stichflammen-Gasbrennern, Gastronomie unter offenem (regnerischem) Himmel, Ausstellungsräume usw. Der Vortrag war gut besucht (auch eine Kellnerin, die ich am Mittag in dem Café kennengelernt hatte, ist meiner Einladung gefolgt), und Katharina hat Johannes kongenial übersetzt. Die Atmosphäre war lebendig und irgendwie wild.

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tafel

Am nächsten Tag habe ich etwas mit dem OMNIBUS gemacht, was ich schon immer machen wollte – ich habe eine Straße abgeriegelt! Wir waren Teil einer Demonstration (es war keine Genehmigung für den OMNIBUS beantragt worden wie sonst immer, sondern die Bürgerinitiative, die uns eingeladen hatte, hat eine Demonstration angemeldet, und der OMNIBUS war ein Teil davon). Es ging um einen der letzten Erzeugermärkte in der Stadt, der einem Parkhaus geopfert werden sollte. Mit den verschiedensten Aktionen wurde an diesem Tag gegen diesen Plan protestiert (es gab Reden, Führungen, Musik, alle möglichen Stände neben dem Gemüsemarkt, der natürlich auch stattfand. Dieser Samstag war ein schöner Abschluß unseres Budapest-Aufenthalts. Und wir haben wehmütig Abschied genommen von Ulrike und Johannes, die ja seit Istanbul mit uns unterwegs waren und dem OMNIBUS-Team regelrecht angewachsen waren …

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Soviel für heute – werner

Nach Serbien

11. November 2009

Um von Klausenburg (Cluj-Napoca) nach Belgrad zu kommen, mußten wir wieder über 400 km fahren – deshalb war angedacht, daß wir eine Nacht in Temeswar (Timisoara) verbringen sollten, wo wir für Ulrike und Johannes und für uns zwei Hotelzimmer nehmen würden, um dann am nächsten Morgen über die serbische Grenze nach Belgrad zu fahren. Zuerst ging es noch einmal in die Berge – über eine ziemlich gut ausgebaute Landstraße – und die Fahrt war auch ein wirklicher Augenschmaus, aber ab Oradea an der ungarischen Grenze, wo wir nach Süden abbiegen mußten, waren die Straßen wieder in einem erbärmlichen Zustand und wir kamen nur sehr schlecht voran, so daß wir es nicht bis Temeswar geschafft haben, sondern schon in Arad an einer Ringstraße um die Stadt in ein nagelneues Motel eingekehrt sind, mit sehr unfreundlichem Personal. Uns wurde zwar erlaubt, den OMNIBUS und das Wohnmobil auf dem Parkplatz abzustellen, aber Strom haben die uns nicht gegeben, obwohl wir drei Zimmer genommen und alle dort zu Abend gegessen haben. Die ganze Anlage wirkte völlig künstlich und alles roch nach Spekulation, Geldwäsche und Mafia. Es waren auch in dieser Grenzregion immer mehr noch leerstehende Neubauten aufgetaucht und die Schilder von westeuropäischen Unternehmen, die ihre Produktion nach Rumänien verlagert hatten (ist nicht auch NOKIA nach Temeswar gegangen?). Diese dort entstehende Parallelwelt hatte eine sehr irritierende Wirkung auf mich. Draußen war es bitter kalt – und nachts gabs richtigen Frost. Die ganze Belegschaft war mehr oder weniger erkältet. Aber in dem Motel konnten wir duschen, ins Internet und – außer mir und einem der Film-Jungs (der im Wohnmobil geschlafen hat) – alle im Haus schlafen.

Ich war sehr froh, daß wir endlich im Flachland waren, denn die Fahrt durch Bulgarien und Rumänien hatte mir schon seit dem ersten Temperatursturz in Leptokaria (als es auch in Deutschland und überall im Balkan geschneit hatte) einige Sorgen gemacht: bei Schnee oder Frost hätten wir diese Strecken mit dem OMNIBUS nicht fahren können, und wenn wir irgendwo steckengeblieben wären, wäre das ganze (ja sehr dicht strukturierte) Restprogramm im Eimer gewesen bzw. wir hätten auf jeden Fall Stationen auslassen müssen. Der Himmel war dem OMNIBUS mal wieder gnädig gewesen!

Am Sonntag sind wir dann nach Serbien gefahren und alles sah wieder ganz anders aus. Leider leider war die Station Belgrad dann ein kompletter Reinfall – in mehrerer Hinsicht: sie war in unseren Unterlagen total euphorisch angekündigt (tolle Plätze für den OMNIBUS, sehr interessierte Initiativen, ein selbsternannter serbischer Beuys-Spezialist, dessen Beuys-Buch wir in serbischer Sprache im OMNIBUS hatten (er ist Kunstprofessor und er würde Hunderte von Studenten mobilisieren) usw.) – Maxie und Brigitte waren ja schon vor der Tour in Belgrad gewesen, um unseren Aufenthalt zu organisieren. Tenor: Belgrad wird ganz toll! … Ich war ja auf der Fahrt von Sarajewo nach Sofia schon durch Belgrad gefahren und hatte die Stadt schön dort liegen sehen. Und Thomas Diekhaus, der Leiter des Goethe-Instituts in Skopje, der zur Zeit des Krieges in Belgrad gearbeitet hat, hatte Johannes und mir begeistert von dieser Zeit und den Menschen dort erzählt und uns als Zeitzeuge viele wertvolle Informationen geben können. Ich war also brennend interessiert an Belgrad und den Serben und habe mich besonders auf diese Station unserer Reise gefreut.

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Es ging dann damit los, daß wir von einer völlig chaotischen Studentin, die schon Mühe damit hatte, ihr eigenes Auto zu fahren und sich selbst in der Stadt zu orientieren, in einer wirren Fahrt zu unserem ersten Standort in Neu-Belgrad auf der falschen Seite der Donau gelotst wurden. Sie war dazu verdonnert worden und war so ungeeignet für diese Aufgabe, daß man sie schon fast wieder liebgewinnen konnte. Der Platz war der Parkplatz einer grottenhäßlichen Waschbeton-Monstrosität, in der eine Fakultät der Kunstakademie (Dramski) untergebracht war. Ganz weit entfernt gegenüber riesige Plattenbauriegel. Sonntagabends war da alles tot, aber angeblich sollte es am nächsten Tag von interessierten Studenten nur so wimmeln. Wir hatten über Telefon bzw. Email erfahren, daß der Herr Professor „Beuys-Spezialist“ aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht auftauchen würde. Johannes hat in seinem Hotelzimmer einen Briefumschlag vorgefunden, in dem angeblich alle Informationen zum Belgrad-Aufenthalt enthalten sein sollten. Er war fassungslos und fragte immer wieder: „Kann mir das mal jemand erklären, was ich damit anfangen soll?“ Es gab keinerlei Begrüßung oder Betreuung wie an den meisten anderen Stationen. Aus den Programmen des Goethe-Instituts ging nicht hervor, wo, wann und was im Zusammenhang mit dem OMNIBUS-Aufenthalt in Belgrad passieren würde, und in einem Programm einer in enger Zusammenarbeit von Goethe-Institut und Deutscher Botschaft veranstalteten und gleichzeitig stattfindenden „Deutschen Woche“ wurden der OMNIBUS und die „democracy-in-motion“-Tour mit keinem Wort erwähnt!

An diesem ersten Abend in Belgrad bin ich zusammen mit Karl-Heinz und Ralf, dem Kameramann, der noch Stadtimpressionen drehen wollte, auf die richtige Seite der Donau zum Hotel von Ulrike und Johannes gefahren und quer durch die Innenstadt zu einer urigen serbischen Gaststätte geschlendert, die als Reklameschild ein großes Fragezeichen hatte. Dort hatte Ksenia Protic, eine alte Freundin von Ulrike und Johannes, die in München lebt und angereist war, um uns als Dolmetscherin und Reiseführerin zu dienen, einen Tisch für uns reserviert. Wir hatten zum ersten Mal seit Istanbul wieder das Gefühl, in einer offenen, pulsierenden Weltstadt zu sein. Die Menschen, zu denen ich während unseres Aufenthalts in Belgrad Kontakt hatte, waren freundlich, humorvoll und hilfsbereit. Mir sind viele stolze schöne Frauen aufgefallen. Kurz: das Wenige, was wir mitgekriegt haben, hat uns noch neugieriger gemacht.

Und wir – bzw. unsere „demokratisch gewählten Vertreter“ – waren die Terroristen, die vor wenigen Jahren diese schöne Stadt bombardiert hatten, wochenlang und nicht „chirurgisch“, sondern mitten hinein ins blühende Leben! Militärisch und politisch war das ein absurder Fehlschlag. Und jetzt saßen wir zusammen und bombardierten die arme Ksenia mit Fragen, weil wir es nicht fassen konnten und so wenig wußten. Ich hatte auch mit Johannes sehr viel über Jugoslawien diskutiert und selbst am Anfang der Tour das Kapitel über Jugoslawien in „Global Brutal“ noch einmal gelesen, um besser zu verstehen, welche Kräfte eigentlich das „Jugoslawische Modell“ (z.B. der Arbeiter-Selbstverwaltung und des vergleichsweise friedlichen multikulturellen Zusammenlebens) und später dann speziell die serbische Identität zerstören wollten. Das habe ich dann auf einer unserer nächsten Fahrten auch Johannes zum Lesen gegeben. Der Begriff „Selbstverwaltung“ ist auch in seinen Vorträgen während unserer Tour immer wieder aufgetaucht.

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Am nächsten Morgen sind in aller Frühe Karl-Heinz und Katrin mit dem Taxi zum Flughafen gefahren – wir haben sie noch gemeinsam verabschiedet und das Filmteam hat sie während der Fahrt ein letztes Mal interviewt. Am Tag zuvor war schon Silvia Angel aus Schweden zu uns gestoßen, um uns für den Rest der Tour zu begleiten, und Jan Hagelstein kam mittags aus Deutschland dazu. Außerdem kam auch noch Nadja Sehic, die Bosnierin, die wir am Anfang der Tour in Kroatien und Bosnien als Dolmetscherin dabei hatten. Jetzt ist sie schon eine richtige OMNIBUS-Mitarbeiterin, auf die wir uns alle sehr gefreut hatten. An dem ersten Tag bei der Dramski-Fakultät hat sich so gut wie niemand für unsere Arbeit interessiert und unser Platz wurde immer mehr zu einem ganz ordinären Parkplatz, so daß der OMNIBUS völlig umstellt war von Autos. Wir haben die Zeit für eine große Putzaktion genutzt. Am frühen Nachmittag fand an einem ganz anderen Ort, der bis zum Schluß noch unklar war, der Vortrag von Johannes statt, den dann auch nur relativ wenige Menschen gefunden haben. Der Diaprojektor funktionierte nicht, und Johannes hat die Dias, die er vorbereitet hatte, hochgehalten und erklärt, was darauf zu sehen war. Die Leiterin des Goethe-Instituts kam, um Johannes zu begrüßen und hat dann gleich gesagt, daß sie in einer halben Stunde leider wieder gehen müßte, weil sie andere Verpflichtungen habe. Den Rest soll sich jeder selbst ausmalen.

Schnee

Am Abend – es hatte inzwischen begonnen, zu schneien – sind wir mit dem OMNIBUS zu einer zwar auf der richtigen Seite der Donau, aber dafür ganz am Rand gelegenen Fakultät für Bildende Künste gefahren, wo wir mit Strom versorgt und dann richtig eingeschneit wurden. Wir hatten dort Zugang zu einer Toilette und am nächsten Tag auch zu einer Art Lehrerzimmer, wo wir ins Internet konnten und uns aufwärmen. Es hat dann den ganzen Tag geschneit. Wir haben mehrere Maschinen Wäsche gewaschen und dann später Wäscheleinen gespannt, damit diese Wäsche auch trocken wurde. In dieser absurden Situation hat Johannes dann noch ein kleines Seminar mit interessierten Studenten improvisiert …

Johannes_Belgrad

Alle haben versucht, nebenbei und zwischendurch noch möglichst viele Eindrücke von der Stadt zu sammeln …

Am nächsten Morgen war der meiste Schnee abgetaut und wir sind durch den Nebel Richtung Ungarn gefahren – die Straßen waren flach und immer besser ausgebaut. Zum letzten Mal mußten wir unsere komplizierte Grenzprozedur machen – das klappte ziemlich gut.

Novi_Sad

letzte Grenze

Ich sitze inzwischen im OMNIBUS vor der von Studenten besetzten Hochschule für Bildende Künste in Wien und nutze jetzt das offene WLAN der Studenten, um diesen Beitrag ins Netz zu stellen.

So long – werner

Zwischendurch

11. November 2009

Ich habe soeben ein Interview mit Michael Moore gelesen, das ich möglichst vielen Leuten zugänglich machen will. Er hat es anläßlich seines neuen Films gegeben und sagt meines Erachtens wichtige Sachen, die in der öffentlichen Diskussion von fast niemandem gesagt werden – und hat gleichzeitig ein Riesenpublikum.

Ich versuche also, HIER einen Link zu setzen – dann müßte dieser Artikel beim Anklicken auftauchen!

Ich bin gespannt, ob es klappt – werner


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